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Von der Quelle zur Wahrheit ... oder wie rum war das nochmal?


  Ein Paar Gedanken zur Quellenarbeit

Haben sich früher Schwertkampfbegeisterte weitestgehend auf Ihre Phantasie stützen müssen, so steht uns heute eine Vielzahl an historischen Quellen zur Verfügung, in denen die damalige Fechtkunst beschrieben wird. Doch bevor man die Quellen in die Hand nimmt muss man wissen, wie man mit diesen Inhalten umgeht!
Wir sind es heute gewohnt, vom Schriftlichen / Virtuellen auf das Reale zu schließen. Warum gelingt uns das? Weil wir dank eines umfassenden Allgemeinwissens und 'zeitgemäßen Denkens' genügend Hintergrundinformationen haben, um das Gelesene in den richtigen Kontext zu setzen. Doch bereits bei uns fremden Disziplinen tun wir uns schwer, die "Quellen" in ihrer Aussage voll und ganz zu erfassen.
Beispiel: In einem Handbuch für Piloten finden wir viele hilfreiche Angaben, die uns jedoch dem wirklichen Können eines Piloten nur wenig näher bringen. Wir würden es vielleicht schaffen zu starten - aber sicher landen ist doch eher die Sache des Eingeweihten.

Mit den Fechtbüchern im späten Mittelalter ist dies sehr ähnlich. Auch diese richten sich an Eingeweihte und wurden nicht mit der Intention geschrieben, dem "Greenhorn" die Kunst des Fechtens zu lehren. Dies fasste bereits Ende des 14. Jahrhunderts der Autor eines Fechtbuches wie folgt zusammen:

"Merke dir und wisse, das man nicht wirklich bedeutungsvoll von dem Fechten reden, es schreiben oder auslegen kann, als wie man es mit der Hand zeigen und zu weisen vermag."

In diesem Satz findet sich eine Warnung: Du kannst nur aus den Büchern kein Fechten lernen. Warum?

  Nun, das Buch ist wie jede Aufzeichnungsform ein komprimiertes Abbild der Realität. Wir kennen das heute vom MP3. Unwichtige Dinge werden weggelassen und so das "Eigentliche" überliefert. Was nun weggelassen wird, liegt ganz im Ermessen des Urhebers. In den Quellen der Fechtkunst ist es meist das Triviale, das jeder kann oder können sollte. Außerdem sind es Bewegungen, etc. auf die der Fechter von selbst kommt, wenn er vor dem Studium des Fechtbuches, bei dem Urheber bereits die Kunst des Fechtens erlernte. Somit sind uns heute zwar die Besonderheiten der Fechtkunst überliefert, jedoch nur Bruchstückhaft der Unterbau - die Basis. Jede Fechttechnik in den Quellen besteht also aus zwei Teilen: Dem Überlieferten, und dem Ausgesparten. Das ist wichtig zu wissen und zu akzeptieren, bevor man sich an die Interpretation der Quellen macht.
In der Geschichtsforschung geht man daher nicht prinzipiell von der Quelle zur Rekonstruktion der Realität, sondern erstellt auf Grund vorhandener Kenntnisse eine These. Diese wiederum wird anhand von Quellen bestätigt oder ggf. berichtigt:


Ohne eine eigene These ist jedoch die Erkenntnis fast unbrauchbares Stückwerk:


Für uns Fechter heißt dies, dass wir die Historischen Techniken in ein bestehendes Bewegungssystem einbetten müssen, um die Lücken in den Quellen durch die Gegebenheiten dieses Systems zu füllen. Über die Jahre werden immer mehr Lücken geschlossen und das System komplettiert. Natürlich stehen klare Erkenntnisse aus den Quellen an erster Stelle; dennoch sind zur erfolgreichen Interpretation zwei weitere Bereiche sehr wichtig:
  1. Die eigene Logik / Intuition: Wenn eine Interpretation beim Training sich falsch anfühlt, dann stimmt mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas mit der Interpretation nicht. Ob man nun ausgebildeter Fechtlehrer, junger Übungsleiter oder Schüler im Anfängerstadium ist, macht hier kaum Unterschied.
  2. Gesetzmäßigkeiten gültiger Kampf(sport)-Systeme: Die eigene Erfahrung an vergleichbaren Kampfkünsten, welche geographisch möglichst nah an der zu interpretierenden Fechtkunst sind, bilden die wichtige Basis, Erkenntnisse aus den Quellen einzuordnen und sich der tatsächlichen Fechttechnik anzunähern.
Das Fechten ist eine lebendige Kampfkunst, wie die meisten anderen Kampfkünste weltweit. Es ausschließlich wortwörtlich aus den Quellen zu rekonstruieren ohne den Mut zu fassen, Lücken mit bestehenden Systemen und der eigenen Logik zu füllen, macht die Fechtkunst zu einer ritualisierten Darstellung. Auf diese Weise wird ein Tunnelblick trainiert, der zu Aussagen führt wie z.B.:
"Was nicht in den Quellen steht, gab es nicht."
"Versetzen im 'Nach' gab es nicht, machte man nie."
"Man schlug immer 'ins Hängen'. - Wer durchzieht ist tot."

Es erginge einem zwangsläufig wie unserem Freund im folgenden Video:

Also, meine Freunde -
Begeisterte der Fechtkunst - habt Mut,
zu interpretieren und zu hinterfragen!
Und zu guter Letzt
ein Rat aus meinem Geschichtsstudium:

Meide die Worte immer und nur !
Und vor allem ... Sag niemals nie ;-)

Es lohnt sich - es gibt viel zu entdecken!
Liechtenauer und seine Jungs haben ganze Arbeit geleistet!

Euer Trainer

Christian Bott, Edingen 2010





Zum Thema Paraden möchten wir auch unseren Essay "'Liechtenauer hat nie....' oder doch?" empfehlen.

 
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