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Überlegungen zum Freikampf mit dem Langen Messer


  Ein Essay von Joachim Bartsch,
Krîfon-Trainingsleiter in Mainz für Langes Messer


Bevor ich mich dem Thema widme eine Bemerkung: Die folgenden Überlegungen und Erfahrungen sind nicht dogmatisch gemeint, sondern lediglich eine mögliche Facette des Historischen Fechtens, wie wir es betreiben. Niemand sollte meinen, etwas so machen zu müssen, nur weil ich es so sehe und mache. Wie auf dieser Website zu lesen ist Schwertkampf für uns heutzutage mehr als nur Schwert und Kampf, auch wenn ich mich hier genau damit beschäftige - genauer gesagt mit dem ernstlichen Kampf und dem langen Messer. Also bitte nicht als "Muß" betrachten, sondern als "kann" – wer will, sei herzlich willkommen.

Und nun zum Thema:

Genau wie man Tennis spielen lernt, um Tennis zu spielen, oder Fahrrad fahren, um sich dann mit seinem MTB in den Wäldern zu vergnügen, erwacht bei vielen Kampfsportlern / Kampfkunstschülern irgendwann der innere Wunsch, sein Können auf die Probe zu stellen und tatsächlich zu kämpfen. Oder dieser Wunsch war schon immer da, und man lernt ganz bewusst, zu kämpfen, um irgendwann einmal kämpfen zu können und zu dürfen.

Im Falle von Kampfkünsten oder –Sportarten ist dieser Wunsch zusätzlich noch "genetisch vorbelastet". Wissenschaftliche Untersuchungen dazu gibt es zu genüge und sie kommen meist zu einem Ergebnis: Zumindest mache von uns sind wohl zum kämpfen geboren und lieben dieses Erlebnis.

Das ist die eine, moderne Seite der Betrachtung. Die andere ist die Beantwortung folgender Frage: Wie haben wie uns eigentlich einen Kampf mit dem langen Messer wirklich vorzustellen? Und spielt das eigentlich eine Rolle?

Nun, an ersteres kann man sich nur über Rückschlüsse annähern, denn es gab damals weder Fernsehaufzeichnungen noch schreibende "Sportreporter" (von Talhoffer mal abgesehen ;-)). Zweites kann man dann mit ja beantworten, wenn man sich einer Rekonstruktion in einem freien Gefecht annähern will, ansonsten lautet die Antwort vermutlich nein.

Wenn man sich also annähern will (und darum geht es hier), muss man versuchen, den Kontext der Auseinandersetzung zu erfassen. Wirklich beweisen kann man nichts, aber Thesen aufstellen und diese überprüfen:
 

Die Soziologie beschreibt den ritualisierten Zweikampf germanischer Rechtstradition als einen Mechanismus zur Konfliktlösung, um andauernde Fehden (sprich Blutrache) zu unterbinden und Stabilität in ein potenziell unstabiles gesellschaftliches System zu bringen. Dabei ist der Zweikampf (vgl. Sachsenspiegel) das letzte der Mittel, um einen Konflikt zu beenden, bei dem vorher immer Schlichtungsversuche stattgefunden haben müssen. Auch ist der Gerichtskampf, daher der Name, nur dann möglich, wenn er von einem Richter ermöglicht wurde. Er findet öffentlich statt und der Unterlegene ist danach mindestens rechtlos und hat wohl auch wegen des vorher zu schwörenden Eides seine Hand verwirkt.


  Es handelt sich also zweifelsohne um eine Angelegenheit mit grundsätzlich sehr ernsten Konsequenzen in einem ritualisierten, öffentlichen Rahmen, was ihn klar von den Duellen der Renaissance bis zur Neuzeit unterscheidet.

Eben so klar beschrieben sind die Regeln der Auseinandersetzung: Sieger ist, wer den anderen überwindet. Der Unterlegene ist also entweder kampfunfähig, wurde aus den Schranken gedrängt (entspricht geflohen), bittet um den Baum (ergibt sich) oder wurde getötet. Ein sportliches Punktesystem gab es nicht.

Bemerkenswert sind auch drei Dinge, die bei Johannes Lecküchner auffallen:


Erstens sind die meisten Stücke oder Techniken im Abschluss gegen das Gesicht, den Kopf, den Hals oder als Stoß gegen die Brust gerichtet – also den Kampf beendend.

Zweitens wird dem beendenden Stück offenbar eine Priorität gegenüber dem Restrisiko leichter(!) Verletzungen, die man dabei selbst erleiden könnte, eingeräumt – also die Tatsache akzeptiert, selbst auch nicht völlig ungeschoren davon zu kommen. Dabei ist der Gegner aber stets in einer Position, in der er nicht stechen und nicht wirkungsvoll hauen kann.

Und last not least beschreibt Lecküchner im Nachwort das Indes als die Arbeit aus dem Band und als den eigentlich Kern der Kunst – wobei alles aus dem Band getrieben werden kann. Mit anderen Worten: Es wird von einem Versatz ausgegangen, wobei keine Rolle spielt, wer versetzt, und dann abhängig von Schwäche oder Stärke im Band weitergemacht. Ein Versatz kann auch ein Angriff sein, siehe Pogen!

Zusammenfassend kann man daraus folgende Thesen ableiten:

  1. Es existiert ein starker Wille, den Kampf durch einen Wirkungstreffer zu beenden. Es handelt sich also um eine gewalttätige Auseinandersetzung, die den anderen nicht schonen will.
  2. Das Treffen des Kopfes bedingt eine Überwindung der Distanz, wobei man sich zwangsweise in die Reichweite der gegnerischen Waffe begibt.
  3. Damit die zweite These überhaupt Sinn macht und der Abschluss gelingt, ist ein entschlossenes Vorgehen (auch im Sinne von vorwärts gehen) notwendig, sonst kann man den Ort der gegnerischen Waffe nicht hinter sich bringen, wird selbst verletzt und hat nichts gewonnen.
  4. Damit These 2) nicht in ein Selbstmordkommando führt, muss man klar(!) im Vor sein oder die gegnerische Waffe kontrollieren.
  5. Ein entschlossenes Vorgehen bedingt einen harten, zielgenauen Hau und das Ausüben von Druck auf den Gegner. Dieser wiederum muss seinerseits mit Druck versetzen oder im Versatz weglaufen. Hauen, nicht fuchteln!
  6. Ebenfalls wird nachgesetzt, wann immer möglich. Einen Hau direkt ins Ziel bringen zu können, ohne mindestens an einem Versatz vorbei zu müssen, wird, das zeigt schon die Länge der Stücke, als eher unwahrscheinlich betrachtet.
  7. Aus dieser Länge der Stücke folgt, dass immer versetzt wird, wenn man bedroht wird.
  8. Vor dem "nur Versetzen" wird in den Fechtbüchern immer gewarnt. Das macht in diesem Kontext durchaus Sinn, denn man kann nur begrenzt weglaufen (Schranken!) und irgendwann wird der Angreifer treffen. Man muss also wohl oder übel den angebotenen Kampf auch annehmen müssen, um überhaupt eine Chance zu haben.
  9. Letzteres bedeutet: Offensiv versetzen, das Indes nutzen!
So, jetzt haben wir zwei Betrachtungen und ein Riesenproblem:

Zum einen wollen wir (zumindest der ein oder andere) "richtig" kämpfen, zum anderen ist das, was nach meiner Auffassung historisch dahinter steht, alles andere als ein Kindergeburtstag.


  Dazu gesellt sich ein weiteres Problem, welches so alt ist wie die Menschheit: Erfahrung, vor allem Kampferfahrung, ist durch nichts zu ersetzen. Wer zum Kämpfer ausgebildet wird, muss die Möglichkeit bekommen, Kampferfahrung zu sammeln. Anders geht es nicht. Aber ist das wirklich ein Problem oder womöglich die Lösung? Dazu später mehr.

Kommen wir zuerst einmal zum Kampf: Wie können wir unseren Wunsch, zu kämpfen, befriedigen, ohne uns dabei ernstlich zu verletzen? Hier gibt es verschiedene Ansätze:

Ein Ansatz ist Schutzausrüstung und Stahlwaffen im Vollkontakt, vielleicht die authentischste Art. So authentisch, dass es sich wirklich um einen Kampf handelt, mit allen Konsequenzen. Wer so etwas tut, ohne wirklich um sein Leben kämpfen zu *müssen*, muss sich ernstlich fragen lassen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Verletzungsrisiko: Inakzeptabel.

Gegenentwurf: Schutzausrüstung und sog. Safety- oder auch Softwaffen. Mit zweiten kann man sich übrigens auch ohne Schutzausrüstung wunderbar gefahrlos verdreschen.


Bedauerlicherweise ist das zwar sehr lustig, aber vor lauter Sicherheit existieren weder Impuls noch Druck. Das Ergebnis wird daher von den auf Kontakt kämpfenden Escrimadores gerne als "Jackenklatschen" bezeichnet: Nett aber sinnlos, wenn auch im Budo-Bereich verbreitet.

Bleiben noch vollkontaktgeeignete Holzwaffen (Shinai) und Schutzausrüstung: Leider ist das Shinai zu leicht und vor allem verspringt es bei hartem anbinden der Stärken, wie es häufig notwendig ist. Das, was funktionieren sollte, funktioniert im freien Gefecht einfach nicht oder unzureichend selten, liefert also ein "falsches" Gefühl.

Eine andere Alternative, sein Können zu messen, ist ein aus dem Sportfechten abgeleitetes Punktesystem: Wer zuerst trifft, bekommt einen Punkt, Doppeltreffer werden wiederholt. Aus Sicherheitsgründen z.B. mit einem Shinai und leichter Schutzausrüstung.

 


Persönlich sehe ich allerdings ein ähnliches Problem wie mit den Softwaffen: Kann man machen, das Ergebnis hat aber meist nicht mehr viel mit dem Gelernten zu tun. Statt wirklich den anderen zu überwinden zu wollen (und das auch zu sehen) wird auf Punkte gegangen, also möglichst schnell der Ort an die nächst erreichbare Stelle (Arm) der Gegners geschubst. Zusätzlich wird dann der Kampf auch noch abgebrochen, was endgültig jeden Bezug zum Original bricht: Wenn ich mit einem Oberhau angegriffen werde, kann ich den Punkt gewinnen, wenn ich seinen Arm rechtzeitig unterwegs berühre, bevor die Waffe in meinen Genick oder Gesicht einschlägt und spekuliere womöglich noch auf einen Doppeltreffer. Im Endergebnis sieht man dann alles mögliche, aber praktisch nichts mehr von dem, was in den Fechtbüchern steht – und was man eigentlich übt. Es verleitet dazu, den Versatz zu "vergessen" und mit aller Gewalt schneller zu sein – würden wir dies mit scharfen Klingen wirklich tun? Nicht einmal mit einem Stock aus Hartholz würden wir es tun!

Um es auf den Punkt zu bringen: Nichts davon empfinde ich persönlich als befriedigend. Entweder es ist zu gefährlich oder das Ergebnis ist schlicht zu divergierend vom Original. Aber womöglich sollte man einfach mal einen Schritt zurückgehen und den "richtigen" Kampf ad acta legen, bis geeignete Simulatoren zur Verfügung stehen. Denn wie hatte ich doch oben ausgeführt? Um kämpfen zu lernen, benötigt man Kampfererfahrung. Und warum? Weil man nur damit gut vorbereitet in einen echten Kampf gehen kann. Das war schon immer so, doch auch galt schon immer, dass eine Kampfvorbereitung keinen Sinn macht, wenn der Kämpfer dabei draufgeht oder schwer verletzt wird.

Warum also "begnügen" wir uns nicht einfach mit dieser entschärften "Kampferfahrung"? Sie sollte uns genügend vom Gefühl des Kämpfens vermitteln, ohne unnötig Schmerzen zuzufügen. Doch wie kommt man dahin, ohne zu verfälschen?

An dieser Stelle macht es mal wieder Sinn, über den Tellerrand zu sehen und zu beobachten, wie sich andere, z.B. Thaiboxer etc., auf einen Kampf vorbereiten. Das moderne Zauberwort ist "Sparring" und beschreibt eine möglichst realitätsnahe Auseinandersetzung, bei der mit Schutz und vor allem ohne(!) vollen Kontakt gekämpft wird. Was bedeutet, nicht mit voller Kraft zu schlagen oder zu treten – ein gewisses Maß an Härte ist jedoch dabei, um nicht etwas falsches anzutrainieren und eben auch, um die natürliche Angst zu nehmen.

Wenn ich das einmal übertrage, ergibt sich folgende Zielfunktion:

  1. Die verwendeten Simulatoren sollten in Bezug auf Gewicht, Balance und Länge dem langen Messer entsprechen.
  2. Das verwendete Material muss bruchfest sein und einen "trockenen" Klingenkontakt ermöglichen, ohne zu verspringen.
  3. Die Simulatoren müssen steif sein, um Druck und Gegendruck ausüben zu können.
  4. Gute Schutzausrüstung, vor allem für Hände, Unterarme und Kopf, sind Pflicht.
  5. Bei Hau und Stich gilt: Es wird mit Kraft zum Ziel angegriffen, aber vorher bis zum leichten Kontakt abgestoppt. Klingenkontrolle über alles, vorher üben, üben, üben!
  6. Beim Versatz und beim Hau in den Versatz wird der Druck aufrechterhalten, ebenso im Band. Ohne dies kein Indes, ohne Indes kein Kampf.
  7. Keine Sperrstöße gegen Kopf oder Kehle! Stöße nie mit durchgestrecktem Arm!
  8. Es gibt keine Punkte, Ziel ist das Überwinden des anderen.

Für die Kämpfer gilt dabei:

  1. Die Sparringspartner sind angehalten, den Kampf anzubieten und ihn anzunehmen. Versucht, den anderen mit Kunst zu überwinden.
  2. Bei allem Stolz: Es ist Sparring und ihr seit Partner, nicht Gegner! Solltet ihr das Gefühl haben, dass irgend etwas außer Kontrolle gerät (z.B. die Distanz), sofort abbrechen!
  3. Respektiert Euch! Ordnet Euer Gewinnstreben der Gesundheit Eures Partners unter. Respektiert, wenn ihr überwunden wurdet, und schlagt nicht wild um euch.
  4. Respektiert das, was ihr übt! Versucht anzuwenden, was ihr gelernt habt, und versucht herauszufinden, in welchen Umständen es für Euch funktioniert.
  5. Respektiert die Krieger, die es einst entwickelt haben. Ihr übt den ernstlichen Kampf, also versucht in erster Linie zu überleben.
  6. Gewinner ist, wer etwas dazugelernt hat. Das können beide sein oder auch keiner – denkt nach dem Sparring über Euch selbst nach und habt keine Scheu, eine Technik für Euch zu interpretieren und nutzbar zu machen. Dafür ist sie nämlich da.

Schlusswort:

Wer mich kennt und mit wem ich schon einmal die Ehre hatte, mich ein wenig mit dem langen Messer zu raufen oder überhaupt "meine Art" zu kämpfen gesehen hat, kann sich vielleicht schon ungefähr denken, was ich meine: Man kommt sich definitiv körperlich näher, durch Kontakt und Druck wird es generell etwas rauer und bei aller Vorsicht tut es manchmal auch ein wenig weh. Insgesamt fühlt es sich dezent archaisch an – das muss man mögen, sonst ist es wohl eher nichts für einen.

Last not least meine ganz persönliche, leicht zu merkende, alltagstaugliche "innere Checkliste für die Krieger mit einhändigem Hiebschwert unserer Tage" ;-), welche dem Weg folgen wollen, den ich weitergebe:
 

  1. Wenn Du überleben willst, schütze dich! Das ist das wichtigste! Wenn er dich haut, dann versetze! Skirmen, also Fechten, bedeutet Schützen also achte auf Deine Deckung! Tot bist Du niemandem mehr nütze.
  2. Gerade noch so im Vor zu sein bedeutet sein Leben in die Hände von Fortuna zu legen statt in die von Mars. Das ist eines Kriegers unwürdig. Kämpfe unverzagt und mit Druck, doch warte beharrlich auf Deine Chance und versetzte lieber einmal zu viel als zu wenig.
  3. Wenn Du versetzt, nimm den angebotenen Kampf an und verstecke dich nicht! Versuche, das Indes zu nutzen und eine Bedrohung zu werden (also ins Vor zu kommen).
  4. Übe einen harten Hau und einen Versatz, der den Namen verdient. Wenn du keinen harten Hau überstehst, kannst Du dir den Rest sparen.
  5. Kämpfen bedeutet "Hauen und Stechen", nicht rumfuchteln. Wenn Du fuchtelst statt druckvoll zum Ziel zu schlagen, kannst Du den anderen womöglich verletzen - doch mit Sicherheit wirst Du sterben.
  6. Wenn Du fühlst, dass der Moment gekommen ist, dann nimm Dein Herz in beide Hände, überwinde Deine Furcht, dränge vor und schlage schnell und hart zum Ziel (als hätte er kein Schwert), um ihn zu überwinden. Du wirst nicht viele Gelegenheiten haben, also setze nach und lasse ihn nicht entkommen! Denn wenn Du keine Wirkung erzielst, hast Du nichts gewonnen.
Und jetzt: Übt fleißig, habt Freude und

liebe Grüße an Euch alle!

Euer Joe Bartsch, Edingen 2011



 
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